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2.12.2011 20 Uhr Lichtburgforum


Berliner Buchpremiere: Halbierte Hoffnungen

Vorstellung von PINAR SELEKs Debütroman

Istanbul 1980 – ein Militärputsch hat die Lage im Land dramatisch verändert; altkemalistische, radikal-nationalistische Kräfte haben die Macht an sich gerissen. Es beginnt eine lange Periode der Erstarrung und gnadenloser Härte gegen sämtliche demokratisch gesinnten Kräfte.

Vier junge Leute aus Istanbul, die Freunde Hasan, Sema, Salih und Elif, leiden unter der bedrückenden Perspektivlosigkeit und den schmerzlichen Verlusten jener Jahre. Gewaltsam losgelöst von ihren Wurzeln, begeben sie sich auf die Suche nach sozialer und politischer Zugehörigkeit – und nach dem eigenen Ich. Sie müssen sich entscheiden: gehen sie in den Untergrund und bekämpfen das Regime mit der Waffe in der Hand, oder wählen sie stattdessen das stille Glück einer braven bürgerlichen Existenz, bleiben sie in der Heimat, die keine mehr ist, oder treten sie den folgenschweren Gang ins Exil an.

Pınar Selek ist die Erste, die diese Zeit um den Militärputsch und danach aus der Perspektive von Jugendlichen schildert. Sie erzählt von Lebensmut und Träumen, von Menschen, die zueinander finden, und von der Gabe zu verzeihen. Halbierte Hoffnungen ist aber nicht nur die Geschichte einer Generation.

Die leidenschaftliche Verbundenheit der Autorin mit ihrer Heimatstadt Istanbul lässt ihr Romandebüt zugleich zu einer Liebeserklärung an Istanbul geraten und zu einem lebensprallen Porträt der Stadt am Bosporus, die so viele verschiedene Gesichter hat und wie kaum ein anderer Ort auf der Welt ihre Vielfältigkeit lebt.

Ein hoffnungsvolles Buch und gerade heute, da die Türkei, um Aufnahme in die EU bemüht, in so vielfacher Hinsicht ein Land im Umbruch ist, aktueller denn je.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. 400 Seiten, Orlanda Verlag, Berlin 2011, € 19,90

Pınar Selek, als Soziologin dafür bekannt, heiße Eisen anzupacken, ist nicht nur ein prominentes Gesicht der feministischen und generell der Demokratiebewegung in der Türkei, sondern trat auch schon als Verfasserin von Kinderbüchern in Erscheinung. Nach einer Explosion auf einem Istanbuler Basar im Sommer 1998 wurde sie unter dem Verdacht festgenommen, als Bombenlegerin den Tod von sieben Menschen verursacht zu haben. Sie kam ins Gefängnis und wurde schwer gefoltert, kam nach zweieinhalb Jahren Untersuchungshaft frei und wurde anhand erdrückender forensischer Beweise für ihre Unschuld freigesprochen. Dieser von dem zuständigen Gericht in Istanbul mittlerweile dreifach, zuletzt im Februar 2011, bestätigte Freispruch hält die Staatsanwaltschaft nicht davon ab, sie weiter zu verfolgen, und das Oberste Kassationsgericht der Türkei fordert beharrlich nach wie vor ihre Verurteilung zu lebenslanger Haft unter verschärften Bedingungen. Ihr mutiger Kampf nicht nur gegen diesen Justizskandal, sondern auch für die Rechte verschiedener benachteiligter Minderheiten innerhalb der türkischen Gesellschaft hat sie über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt gemacht. Ihr Fall ging auch in Deutschland sowie europaweit durch die Medien.

In ihrer 2009 auf Deutsch erschienenen, vielbeachteten Studie Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt beleuchtet Selek die Verwurzelung türkischer Männlichkeitsbilder in religiösen und militärischen Traditionen. Seit 2009 lebt Pınar Selek als Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des P.E.N.-Zentrums Deutschland in Berlin.

Als der SALON EXIL im Mai 2010 zum ersten Mal seine Pforten öffnete, war unser Debüt-Gast Pınar Selek. Sie lebte damals erst seit einem halben Jahr als Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des P.E.N.-Zentrums Deutschland in Berlin und bewohnte eine der drei Wohnungen, die der P.E.N. in der Gartenstadt Atlantic angemietet hat, um dort Exilschriftsteller unterzubringen. Die Idee zu dieser Veranstaltungsreihe wurde im Wohnzimmer von Pınar Selek geboren, die an einem nasskalten Februarnachmittag den Vorschlag machte, das Lichtburgforum als Ort der Begegnung zwischen den Exilstipendiaten des P.E.N. und den Anwohnern der Gartenstadt zu nutzen. Nun kehrt sie in den SALON EXIL zurück, um ein Debüt ganz anderer Art mit uns zu feiern.

Moderation: Brigitte Struzyk und Christa Schuenke, die auch die deutschen Textpassagen liest.


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Donnerstag, 22.01.2015 > 20 Uhr

Lichtburgforum

Foto: Matthes&Seitz

Einige unserer Autoren sind oder waren Stipendiaten im Writers-in-Exile-Programm des PEN-Zentrums Deutschland. Texte von ihnen finden Sie in dem Band

Fremde Heimat. Texte aus dem Exil

Hrsg. von Christa Schuenke und Brigitte Struzyk
Matthes & Seitz Berlin 2013
Preis: € 24,90 (D)

Die Veranstaltungen des SALON EXIL
finden in der Regel sechs Mal jährlich
im Lichtburgforum statt.

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