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Walter Kaufmann (Berlin)

WALTER KAUFMANN erfuhr erst in vorgerücktem Alter, dass er eigentlich Jitzchak Schmeidler heißt. Er wurde 1924 im Berliner Scheunenviertel geboren. Seine Mutter war eine ledige Verkäuferin, die ihn als Zweijährigen einem Düsseldorfer Rechtsanwalt – möglicherweise sein leiblicher Vater – zur Adoption überließ. Bei den Adoptiveltern erlebte er eine glückliche Kindheit, bis die Eltern wenige Wochen nach dem Novemberpogrom von 1938 nach Theresienstadt deportiert und wenig später im KZ Auschwitz umgebracht wurden. Kaufmann gelangte 1939 mit einem Kindertransport über die Niederlande nach England, wo er für kurze Zeit auf einer Internatsschule war, 1940 jedoch als „enemy alien“ interniert und per Schiff nach Australien gebracht wurde. Dort schlug er sich zunächst als Obstpflücker auf einer Pfirsichplantage durch, trat dann als kriegsfreiwilliger in die australische Armee ein und diente vier Jahre als Soldat. Nach Kriegsende verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Straßenfotograf und Werftarbeiter, arbeitete im Schlachthof und ging schließlich als Seemann zur Handelsmarine. Dort kam er mit der „Melbourne Realist Writers Group“ in Kontakt, schrieb seinen ersten Roman Voices in the Storm und wurde Mitglied der Seeleutegewerkschaft, die ihn 1955 zu den Weltjugendfestspielen nach Warschau delegierte. Einmal in Europa, beschloss er nach Reisen in die DDR und die Sowjetunion, nach Deutschland zurückzukehren. Dank seiner exzellenten Sprach- und Landeskenntnisse war er der DDR-Führung vielfach nützlich, u. a. als Attaché der deutschen Delegation zu den olympischen Spielen in Melbourne 1956. 1957 siedelte er nach Ost-Berlin über und lebte fortan in der DDR, ohne jemals seinen australischen Pass abzugeben. Auch hier ging er wieder zur See und bereiste mit der Handelsmarine der DDR u. a. Südamerika. Seit Ende der fünfziger Jahre ist Kaufmann im Hauptberuf freier Schriftsteller. Ausgedehnte Reisen führten ihn in die USA, nach China, Indien, Irland, Israel, Japan, in die Türkei und viele andere Länder der Welt. Bekannt wurde er vor allem mit Reportagen und Kurzgeschichten, in denen seine Erlebnisse auf diesen Reisen einen zentralen Platz einnehmen. In den letzten Jahren legte er mehrere Bücher über sei Leben als jüdischer Emigrant und nach der Rückkehrer aus dem Exil vor. Die Liste seiner fast durchweg auf Englisch geschriebenen und ins Deutsche übersetzten Bücher, die zu lang ist, als dass hier in Gänze aufgeführt werden könnte, umfasst Titel wie:

Entführung in Manhattan, Berlin 1975
Wir lachen, weil wir weinen, Leipzig 1977
Irische Reise, Berlin 1979
Drei Reisen ins Gelobte Land, Leipzig 1980
Kauf mir doch ein Krokodil, Berlin 1982
Flucht, Halle 1984
Jenseits der Kindheit, Berlin 1985
Manhattan Sinfonie, Berlin 1987
Die Zeit berühren. Berlin 1992
Ein jegliches hat seine Zeit, Berlin 1994
Im Schloß zu Mecklenburg und anderswo, Berlin 1997
Über eine Liebe in Deutschland, Berlin 1998
Gelebtes Leben, Berlin 2000
Amerika, Verlag. BS, Rostock 2003
Die Welt des Markus Epstein, Dresden 2004
Im Fluss der Zeit, Dittrich Verlag, Berlin 2010

Walter Kaufmann erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, u. a. 1959 den australischen Mary Gilmore Award, 1961 und 1964 den Potsdamer Theodor-Fontane-Preis, 1967 den Heinrich-Mann-Preis und 1993 den Literaturpreis Ruhrpott. Er gehörte seit 1955 dem Deutschen Schriftstellerverband der DDR, der 1990 in den Verband deutscher Schriftsteller (VS) überging, und seit 1975 dem PEN-Zentrum der DDR an, dessen Generalsekretär er von 1985 bis 1993 war, ist seit der Verschmelzung des westdeutschen und des ostdeutschen PEN Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und gründete 2007 in Potsdam gemeinsam mit 50 weiteren Antifaschisten den Brandenburger Landesverband VVN-BDA.

Walter Kaufmann lebt und schreibt in Berlin und Kleinmachnow.


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Foto: Matthes&Seitz

Einige unserer Autoren sind oder waren Stipendiaten im Writers-in-Exile-Programm des PEN-Zentrums Deutschland. Texte von ihnen finden Sie in dem Band

Fremde Heimat. Texte aus dem Exil

Hrsg. von Christa Schuenke und Brigitte Struzyk
Matthes & Seitz Berlin 2013
Preis: € 24,90 (D)

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finden in der Regel sechs Mal jährlich
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