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Pinar Selek (Türkei)

PINAR SELEK ist Jahrgang 1971 und stammt aus einer prominenten linksbürgerlichen Istanbuler Familie. Ihr Großvater hat gemeinsam mit dem berühmten Dichter Yasar Kemal die türkische Arbeiterpartei gegründet, ihr Vater ist ein prominenter Rechtsanwalt, der zahlreiche führende Oppositionelle gegen die Staatsmacht verteidigt hat. Sie besuchte ein französisches Gymnasium und studierte nach dem Abitur Soziologie. In den neunziger Jahren setzte sie sich aktiv für benachteiligte Gruppen der Gesellschaft ein, etwa für Straßenkinder, Prostituierte, Transsexuelle, aber auch für ausgegrenzte Ethnien wie die Kurden. Sie war eine enge Freundin des von ultranationalistischen Kräften ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink.

Gegen Ende ihres Studiums führte sie für eine soziologische Studie Interviews mit Angehörigen der kurdischen Arbeiterpartei PKK, auf deren Konto in den späten neunziger Jahren zahlreiche Terroranschläge gingen. Damit hatte sie denjenigen Kräften, denen diese junge Frau, die sich nicht scheute, gesellschaftliche Tabuthemen anzupacken, längst ein Dorn im Auge war, einen willkommenen Anlass geliefert, sie gewissermaßen aus dem Verkehr zu ziehen. Kurz vor ihrer Verhaftung war es auf dem Istanbuler Gewürzbasar zu einer Explosion gekommen, bei der es Tote und Verletzte gab. Erst im Gefängnis, Wochen nach ihrer Festnahme, erfuhr sie aus dem Fernsehen, das man sie für diesen Vorfall verantwortlich machte und sie beschuldigte, gemeinsam mit einem Komplizen im Auftrag der PKK dort eine Bombe gezündet zu haben. Sie saß zweieinhalb Jahre in Untersuchungshaft, wurde schwer gefoltert, um ihr die Namen der PKK-Kämpfer abzupressen, die sie befragt hatte. Sie hat diese Namen bis heute nicht preisgegeben, denn das verstieße gegen ihr Berufsethos als Soziologin, und sie weiß, dass sie ihren Interviewpartnern damit schaden würde.

Nachdem mehrere unabhängige Gutachter zu dem Befund kamen, dass auf dem Gewürzbasar keine Bombe, sondern die defekte Gasflasche eines Imbisshändlers explodiert war und nachdem der einzige Belastungszeuge, der angebliche Komplize, seine Anschuldigungen gegen Pinar Selek als unter Folter erzwungen widerrufen hatte, wurde sie 2001 freigesprochen. Gegen diesen Freispruch wurde jedoch Berufung eingelegt, sodass 2008 erneut verhandelt werden musste. Auch diese Verhandlung endete mit einem Freispruch, gegen den die Staatsanwaltschaft erneut in Revision ging. Im Februar 2011 wurde Pinar Selek erneut freigesprochen, und auch dagegen läuft derzeit ein Berufungsverfahren. Die Richter des Obersten Kassationsgerichts haben ihre Forderung, Pinar Selek zu lebenslänglicher Haft unter verschärften Bedingungen zu verurteilen, bis auf den heutigen Tag nicht zurückgenommen.

Angesichts der massiven Bedrohung ihrer Freiheit entschloss sich Pinar Selek im Sommer 2008, die Türkei zu verlassen. Sie kam zunächst bei Freunden in Berlin unter, war dann Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung und ist seit Ende November 2009 Stipendiatin im Writers-in-Exile-Programm des P.E.N.-Zentrums Deutschland. Dort hat man mit einer großen internationalen Solidaritätskampagne zu ihrer Unterstützung über 6.000 Unterschriften für sie gesammelt und ihr die Möglichkeit gegeben, ihrer wissenschaftlichen Arbeit in Ruhe nachzugehen und zugleich ihr Doktorandenstudium in Strassbourg voranzubringen.

In der Türkei ist sie eine vielgelesene Verfasserin von soziologischen Schriften, aber auch von Kinderbüchern, und hat im April ihren ersten Roman Yolgeçen Hanı vorgelegt, der im Oktober 2011 unter dem Titel Halbierte Hoffnungen auch auf Deutsch erscheinen wird. Den deutschen Lesern ist sie zudem als Verfasserin der Studie Zum Mann gehätschelt. Zum Mann gedrillt bekannt, in der sie sich mit der Herausbildung männlicher Identitäten in der Türkei befasst.

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Donnerstag, 22.01.2015 > 20 Uhr

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Foto: Matthes&Seitz

Einige unserer Autoren sind oder waren Stipendiaten im Writers-in-Exile-Programm des PEN-Zentrums Deutschland. Texte von ihnen finden Sie in dem Band

Fremde Heimat. Texte aus dem Exil

Hrsg. von Christa Schuenke und Brigitte Struzyk
Matthes & Seitz Berlin 2013
Preis: € 24,90 (D)

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